Flüstern - Eine Vorstellung

 

Flüstern – Eine Vorstellung

Ein Format von Benjamin Ryser und Johanna-Maria Raimund

„Flüstern – eine Vorstellung“ bewegt sich im Spannungsfeld von Theater und Hörspiel, ist Performance und Klangkomposition zugleich – eine Aufführung mittels Stimme, Raum und Tonspur für die Vorstellungskraft des Publikums.


Die Grundidee von "Flüstern" entstand im Jahr 2015 im Rahmen von Theater in allen Räumen an der Zürcher Hochschule der Künste (Tryout von Franziska Schneeberger, Melanie Sidler, Benjamin Ryser und Johanna-Maria Raimund). Im Anschluss entwickelten Benjamin Ryser und  Johanna-Maria Raimund das Format weiter, es folgten mehrere Variationen mit unterschiedlichem Themenschwerpunkten, mal für viele und mal für ganz wenige Zuschauer*innen, in Theater-nahen und Theater-fernen Räumlichkeiten. Im Moment ruht die Weiterentwicklung des Projekts. 

Grundsetting und -geschehen: Das Publikum sitzt auf paarweise gestellten Stühlen im Aufführungsraum verteilt (in einer Version auch auf einzelnen Stühlen im Raum verteilt, jedenfalls so, dass andere Personen aus dem Publikum im Blickfeld und knapp an der Grenze der Flüstert-Hörweite sind) Die Performer_innen gehen zwischen den Stühlen umher und flüstern jedem Publikumsmitglied einzeln Sätze ins Ohr. Gleichzeitig läuft über Lautsprecher eine Tonspur, auf welcher , je nach Version von Flüstern, aus Umgebungsgeräuschen komponierte Musik, Töne, oder/und die Stimmen der PerformerInnen zu hören sind, jedenfalls aber für alle Publikumsmitglieder gleichzeitg Hörbares. 

Es wird nichts nur für das Auge inszeniert, die "Geschichte"  entspinnt sich aus den geflüsterten Sätzen und aus dem Umstand, die anderen Menschen im Publikum beobachten zu können, in der Vorstellung des einzelnen Publikumsmitgliedes. Das Stück ist für eine begrenzte Anzahl von Zuschauer_innen konzipiert, die genaue Anzahl der Zuschauer_innen und Performer_innen  wird an die Umstände der Aufführung angepasst. Bei der zuletzt gezeigten  Version von Flüstern können zb je 9 Personen gleichzeitig an einem Durchlauf der Performance teilnehmen, bei der 1. Version ausserhalb der ZHDK 2017 waren es 40 Personen. Ein Durchlauf von „Flüstern“ dauert 25 Minuten. Mehrere Durchläufe hintereinander sind problemlos möglich, da kein Umbau nötig ist.

Grundidee: Die geflüsterten Sätze sollen Aufführungsraum und Aufführungssituation bewusst erlebbar machen, in der Wahrnehmung und Imagination des Publikums hinterfragen und langsam verändern. Sie sind anregend und manipulativ zugleich. Durch das Flüstern entsteht eine gewisse Komplizenschaft zwischen dem Publikum und den Performer_innen. Letztere sind Souffleure einer Aufführung ohne Schauspieler, welche sich nur in der Vorstellung des Publikums entfaltet.

Die suggerierte Intimität und Privatheit zwischen Zuhörer_in und Performer_in steht im Gegensatz zur Öffentlichkeit und Gemeinschaftlichkeit einer Bühnen-Aufführung.                      Alle Zuhörenden hören unterschiedliche Satz-Kombinationen. Inhaltlich beziehen sich die geflüsterten Sätze in Form von Gerüchten, Beschreibungen, Fragen und Behauptungen entweder auf Details und Eigenschaften des Aufführungsraum oder auf die jeweils anderen Publikumsmitglieder – dabei changieren die Sätze immer zwischen einer Beschreibung dessen, was mit den Augen überprüfbar tatsächlich so ist und all dem, das sein könnte. Jede Person erfährt sich einerseits als Teil einer Gruppe, die den Einflüsterungen zuhört, ist aber gleichzeitig im Hören alleine: jede Person erlebt ihre ganz individuelle Vorstellung. Durch die Tonspur wird eine die Vorstellung begleitende soundscape geschaffen, sie verändert subtil die akustische Umgebung und erzählt schliesslich eine eigene Geschichte, welche die der geflüsterten Sätze ergänzt.

Die Ebenen Text, Aufführungsraum, Performance und Tonspur verweben sich zu einem dichten individuell ausgestalteten Wahrnehmungs- und Erlebnisraum.

Hier seien die jeweiligen Besonderheiten der diversen Versionen kurz dokumentiert:

O) Flüstern Tryout im Rahmen von Theater in allen Räumen. Jeder Person im Publikum wurden von drei Performer*innen Gerüchte über andere Publikumsmitglieder ins Ohr geflüstert, die immer fantastischer und absurder wurden – in der Tonspur wurde versucht, den Eindruck verschiedener Räume entstehen zu lassen, die am Ende der Performance dem Publikum flüsternd genannt wurden („Du bist in einem Bahnhof/Kettenkarussell/Flughafen). An dieser Vorstellung konnten etwas 12 zuschauerInnen teilnehmen, die einzeln in einem Bühnenraum verteilt platziert waren. Zusätzlich zu Tonspur und Flüstern spielten, einzig bei dieser Version von Flüstern, auch schwenkbare Scheinwerfer eine Rolle.

1) Flüstern-Eine Vorstellung als Rahmung des Konzerts voices (MA Komposition - Abschlusskonzert von Benjamin Ryser). Am 7. März 2017 im Café Cabaret Voltaire, Zürich. Eine Aufführung für 40 Zuschauer_innen und 8 Performer_innen. 

Bei dieser Version interessierte uns vor allem die Wahrnehmung des Auffühurungsortes durch die ZuschauerInnen (ein Raum im direkten Anschluss an ein Café) und die Manipulation beziehungsweise Veränderung dieser Wahrnehmung mittels der geflüsterten Sätze.

Inhaltlich waren die geflüsteten Sätze in drei Stufen aufgebaut: Zunächst wurden die Zuschauer darauf hingewiesen, was der Raum für sinnlich überprüfbare Eigenheiten aufwies („Wie viele Ketten sind an der Decke“, „Woher kommt die Luft in diesem Raum?“), dann wurden Behauptungen geflüstert, die sich nicht mehr überprüfen liessen, aber möglich erschienen („Hier wurde heute morgen ein Huhn gerupft“) und das Bild der ZuschauerInnen vom Raum subtil verändern sollten. Schliesslich wurden nach einigen Übergangssätzen („Es wird kälter“) der reale Raum des Cafés zu einem fiktionalen Raum, ein Schiff, umgedeutet (z.B.:„ Alle Scheinwerfer sind Möven“, „Die Säulen sind Schiffsmasten“).

Die Tonspur nahm die Geräusche des Cafés neben dem Aufführungsraumes auf und mixte sie zu einer soundscape, die ihre eigenen, den Inhalt der Sätze unterstütztende Geschichte erzählte. 

Konzept/Text/Komposition: Benjamin Ryser und Johanna-Maria Raimund  

Performer_innen: Melina Delpho, Sara-Bigna Janett, Shadi Omar, Franziska Ryser, Sebastian Ryser, Maria Sautter, Franziska Schneeberger, Myriam Uzor

HIER ein Trailer aus Material dieser Aufführung auf Vimeo.


2) und 3) Flüstern - Eine Vorstellung  feat. FAMA von Ovid - Versionen für neun Zuschauer_innen und drei Performer_innen 2018 

Aufgeführt am 15. Januar 2018 im Stall 6, Zürich (Barumgebung) und am 30. März 2018 auf der OFFENEN BÜHNE des Winterquariters des Zirkus Chnopf auf dem Kochareal, Zürich - dort erstmals als LANDHOLZ-Produktion. 

Bei den Versionen von Flüstern - eine Vorstellung ab Januar 2018 steht das Flüstern an sich und das Thema Gerüchte im Mittelpunkt. Dies inspiriert durch ein Nachdenken über die gegensätzlichen Assoziationen, die mit Flüstern verbunden sind: es ist für uns sowohl etwas Intimes und Erotisches als auch etwas Ausschliessendes und Manipulatives.

Um die Aufführung zu einem noch intimeren Erlebnis zu machen, reduzierten wir die Zahl der Beteiligten auf 9 ZuschauerInnen, drei PerformerInnen und einen die Tonspur live steuernden Komponisten. Ovids Text „Fama“, - der ein Haus zwischen Himmel und Erde beschreibt, in dem sich alle Geräusche, Worte, Stimmen der Welt sammeln, durcheinander wirbeln, sich gegenseitig verfälschen und verstärken und wieder nach draussen strömen, - bildet für uns eine wichtige Textgrundlage für diese Version von Flüstern-Eine Vorstellung. In unseren Augen beschreibt Ovid in „Fama“ einen Ort, der dem Internet als Echokammer und Resonanzraum für unsere heutigen Meinungen und Äusserungen erstaunlich ähnlich ist. Der Text wird in der Tonspur einerseits in Form von gelesenen Auszügen hörbar, andererseits musikalisch umgesetzt.

Beim Einlass zur Performance werden die ZuschauerInnen nach drei persönlichen Daten gefragt (Emailadresse, Geburtsdatum und erstes Haustier). 

Die dann während der Performance von den Performer_innen den Zuschauer_innen zugeflüsterten Sätze beziehen sich anfangs inhaltlich auf den Raum, in dem die Performance stattfindet, dies in Form von Fragen zum Wohlbefinden der ZuschauerInnen in diesem Raum und andererseits in Form von Gerüchten über den Raum. Dann wird der Text von Ovid auf der Tonspur hörbar. Im dritten Teil soll versucht werden, das dort beschriebene Chaos aus Wahrheit und Lüge erlebbar zu machen: die ZuschauerInnen bekommen Gerüchte über die anderen Personen im Raum ins Ohr geflüstert, die meisten davon solcherart, dass sie auch tatsächlich wahr sein könnten. Mache davon auch im Bezug zu den Daten, die am Anfang der Performance angeben musste.

Eine nur leicht weiterentwickelte Version von Flüstern - Eine Vorstellung wurde am 6. April 2018 beim ersten LAKS - Langer Abend Kurze Stücke von Landholz Productions gezeigt. 

Die neun Zuschauer_innen sassen in diesem Fall in einem kellerartigen Raum auf Sofas und anderen gemütlichen Sitzgelegenheiten nahe beieinander. Am Eingang fragten wir u.a. nach der Bank der Zuschauer_innen, die von den Performer_innen dann den Zuschauer_innen über einander  gestreuten Gerüchte waren darauf ausgelegt, mit diesen sensibleren Daten scheinbar spielend, etwas intimere Lebensbereiche zu berühren als bei den vorherigen Versionen.



Du betrittst den Raum und er verändert sich. 

Du erblickst den Raum und er verändert sich. 

 Du hörst den Raum und er verändert sich. 

Du überdenkst den Raum und er verändert sich.

Der Raum entsteht in dir und du veränderst dich. 

Der Raum erblickt dich und du veränderst dich. 

Der Raum hört dich und du veränderst dich. 

Der Raum denkt in dir und du veränderst dich.

Du hörst den Raum und er verändert dich.

Was ist Raum, was bist du? - Das ändert sich.



Programmheft Text Flüstern 2015 (j.-M.Raimund)